Robin Prosch über die Industrie 4.0:

Die erste und zweite Liga der Fertigung

Da hat man – nicht als erster aber immerhin 2016 – als Unternehmer endlich von seiner IT beigebracht bekommen, dass Cloud-Computing unabdingbar das nächste Plateau gesteigerter Produktivität ist, was es zu besteigen gilt.
Und schon quälen einen die Berater mit weiteren Begriffen und malen Szenarien an die Wand, welche dazu aufrufen weitere komplexe Trends und Entwicklungslinien sofort zu berücksichtigen, natürlich alle gleichzeitig. Und kosten soll die Anpassung auch etwas.
Und diesmal meinen die das ernst und rütteln an einigen der Grundlagen bewährten unternehmerischen Handelns, behaupten eine weitere (genauer: die vierte) industrielle Revolution stehe unmittelbar bevor, unaufhaltbar, Gesellschaften und Industrie verändernd.
Lohnt die Aufregung? Sollte man als Verantwortlicher in der Fertigungsindustrie etwas tun?

Hier einige dieser neuen Dinge, die es angeblich zu beachten gilt:

Ding 1
Das Verdienstleisten von Produkten, oder genauso sperrig in Englisch benannt: Servitization.

Das Verkaufen der Industrieprodukte, welche man vielleicht seit Jahrzehnten herstellt, könnte aus der Mode kommen, weil man anders mehr Wertschöpfung erzielen kann, z.B. durch Erbringung einer Dienstleistung, für welche der Einsatz des Produktes logische, zwingende Voraussetzung ist.

  • Als Hersteller von Kompressoren nur noch Luft bestimmter Güte verkaufen, statt Kompressoren.
  • Als Hersteller von Triebwerken garantierte „Uptime“ verkaufen, statt das Triebwerk.

Aber das greift gedanklich zu kurz.
Vielleicht hilft es Ihnen, sich Ihr Produkt zukünftig ausschließlich als „physischen Anker“ für mannigfaltige datengetriebenen Dienstleistungsangebote in der virtuellen Welt vorzustellen.

  • Als Zugtürenbauer nur noch Türen kostenlos in Züge einbauen und die Nutzungsfrequenzdaten der ein- und aussteigenden Passagiere an Verkehrsbetriebe zu Steuerung des Nahverkehrs vermarkten.

Wenn man die Fertigungswelt zukünftig in zwei Ligen mit unterschiedlichen Wachtums-, Überlebens- und Ausdifferenzierungsspotentialen teilen möchte, wäre dies ein Kandidat für das wichtigste Unterscheidungskriterium:

Kann das produzierte (Halb-)Produkt digitalen Dienstleistungen als „Anker“ dienen?

Solange man neue Ideen für digitale Services an seine physischen Produkte ankern kann, solange ist man im Wettbewerb in der ersten Liga: Hersteller mit direktem Zugang zu digitaler Wertschöpfung.
Automotive OEM’s können derzeit z.B. sehr gut PKW’s mit digitalen Services aufrüsten, es gibt viele „naheliegende“ digitale Service, welche man an einem PKW verankern.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum das Verkaufen von Produkten in der Industrie aus der Mode kommen könnte: Die (Halb-)Produkte werden als separat gefertigte Teile obsolet.

Ding 2
Das nicht mehr separate Herstellen von Komponenten und anschließende Zusammenfügen zu Produkten.

Additive Produktionsverfahren schmelzen Ihnen aus „Raw“ mittlerweile so ziemlich jedes Werkstück in häufig bereits hinreichender Qualität zusammen. 3D Druck nutzt mittlerweile so viele „Raw“ Materialien wie man sich bisher Anwendungsfälle hat ausdenken können, von Plastik über Metall, Glas, Knochen(-artiges), technische Textilfaser etc., etc.
Ein besonders plakatives Beispiel ist der PKW eines Start-ups, welches in ca. 72 Stunden gedruckt wird (und welches 2017 auch die strengen US Crashtests bestehen soll.)
Fügen Sie diesem Beispiel noch folgende über das von Ausdrucken von Aluminiummotoren, leitfähige Kunststoffen als Kabelersatz im Drohenkomplettdruck, sowie Fortschritte beim Backen(Carbon) hinzu und Sie haben: Eine Fertigung ohne Zulieferung von Komponenten.

  • Als Hersteller von z.B. Lärm-Dämmmatten für die Automobilindustrie ist man doppelt gefordert: Elektroautos machen weniger Lärm, OEM’s könnten anstreben die Lärmdämmung direkt vor Ort „mit zu drucken“ und wo ist der Zugang zu digitaler Wertschöpfung?

Hier ist das Risiko groß zum einen zukünftig nur in der 2. Liga zu spielen: Fertiger ohne Zugang zu digitaler Wertschöpfung. Zum anderen besteht die Gefahr obsolet zu werden, es sei denn man wandelt sich zum besten, modernsten Dämmmaterial-Drucker Hersteller und liefert und verdient am „Raw“.

Merken Sie etwas?
Während alle Ihre bisherigen Produktions-Kernkompetenzen weiterhin wichtig bleiben, müssen (!) neue Kernkompetenzen hinzukommen. Welche ich sehe, schreibe ich gerne in einem weiteren Blog.